Gedanken zum Evangelium des 4. Fastensonntags

Das öffentliche Leben ist eingeschränkt, die Seelsorge ist auf das Notwendigste beschränkt, Gottesdienste sind bis auf weiteres abgesagt. Andere Kommunikationsformen sind gefragt: So wenden wir uns an den folgenden Sonntagen Online an den vernetzten Teil unserer Mitchristen. Aber auch in unseren geöffneten Kirchen finden Sie Anregungen zur Besinnung, sowie Raum für das persönliche Gebet.

Es ist eine seltsame - manche sprechen von einer gespenstischen - Lage, mit der keiner und keine so richtig umzugehen weiß.

Der Wissenschaftler und Philosoph Harald Lesch hat sich im ZDF zu dieser Situation folgendermaßen geäußert:
„Die Gesellschaften in Europa, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt, …leben vom Reibungslosen. Das heißt, wir können mit Geld, mit Wissenschaft, mit Technologie unsere Probleme lösen. Und jetzt weist uns dieses Urphänomen [der Coronavirus] auf etwas hin, womit wir überhaupt nicht zu Recht kommen - nämlich nichts zu tun: Wir sollen zu Hause bleiben, wir sollen sogar Distanz wahren zu allem. Und das ist etwas, was wir überhaupt nicht kennen, was wir auch nicht mögen.“

Wenn Stillstand ist, wenn wir zur Ruhe gezwungen sind, dann sind wir auf uns selbst zurückverwiesen, dann tauchen Fragen auf: Wer bin ich? Was hält mich? Was gibt Hoffnung? Hier kann uns die Religion vielleicht ein Wegweiser sein und eine andere Sichtweisen auf uns, auf unsere Mitmenschen, auf die Welt zeigen.

Das heutige Evangelium will uns Hilfe sein; es geht darin um eine Blindenheilung und Jesus sagt über sich selbst: „Ich bin das Licht der Welt“ - diese Aussage Jesu hören wir des öfteren im Johannesevangelium und damit verbinden wir Leben, Hoffnung, Zuversicht.
Als dieses Hoffnungslicht erweist sich Jesus für den Blinden. Zunächst räumt er mit der Auffassung seiner damaligen Zeitgenossen auf, die eine Krankheit als Strafe Gottes sehen und den Blinden bzw. seine Eltern als Sünder abstempeln. „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden“ (Joh 9,3) - so Jesus.

Gott ist kein strafender Richter, sondern einer, der auf die Menschen zugeht und sie annimmt so wie sie sind: mit ihren Schwächen, mit ihren Verfehlungen, mit ihrer Unvollkommenheit, aber auch mit ihren Sorgen und Nöten. Um seinen Jüngern und den Pharisäern dies zu verdeutlichen, wendet Jesus sich einem Blindgeborenen zu. Die Initiative geht ganz allein von Jesus aus. Er sieht diesen Menschen und es ist ein Sehen, das tiefer geht. Er sieht den ganzen Menschen mit all seinen Brüchen und Enttäuschungen. Und er gibt diesem Menschen mit diesem anderen Blick Ansehen und Würde. Jesus macht einen Teig aus Erde und Speichel. Nachdem er dem Blinden diesen Brei auf die Augen gestrichen hat, fordert er ihn auf, sich im Teich Schiloach, was übersetzt der Gesandte heißt, zu waschen. „Und als er zurückkam, konnte er sehen“ (Joh 9,7); ganz unspektakulär und lapidar wird das im Evangelium festgehalten.
Er wird sehend, die anderen aber - Nachbarn, Pharisäer - werden als Blinde entlarvt. Sie sehen nicht den Menschen, sondern ihre Glaubensvorstellungen und das macht sie blind. Sie suchen nach Gründen, um Jesus zu diskreditieren. Die Pharisäer bezweifelten, dass einer wie Jesus, der das Sabbatgebot nicht hält, von Gott sein kann. Die Eltern des Geheilten können nicht erklären, wie es zur Heilung kam; so lassen die Pharisäer den Blinden erneut kommen und befragen. Der Geheilte erwidert, man habe bisher nicht gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet habe. Seine Heilung könne er nur damit erklären, dass es Gott selbst war, der ihn geheilt hat. Die Pharisäer jedoch lassen sich nicht überzeugen. Die Fronten verhärten sich und der Geheilte wird schließlich aus der Synagoge verstoßen; etwas, was damals zu eine der schlimmsten Strafen überhaupt zählte, weil dem Betroffenen damit jegliche Kontaktaufnahme zu seinen Mitmenschen genommen wurde.

Und wieder ergreift Jesus die Initiative, wieder spricht er den vormals Blinden an. Am Ende dieses Gesprächs die schlichte Glaubensbezeugung des Geheilten: „Ich glaube, Herr!“. Der vormals Blinde wird zum Zeugen für die anderen, was Jesus an ihm durch seine andere Sichtweise bewirkt hat; er wird sehend. Es sind die anderen, die sich als die Blinden erweisen.

Die Heilung eines Blindgeborenen - eine Glaubensgeschichte, die uns Mut machen möchte, unser Leben, unsere Mitmenschen, unsere Welt unter einer anderen Perspektive zu sehen.
Vielleicht kann das uns zwangsweise auferlegte „Herunterfahren“ unserer Aktivitäten, unseres Aktionismus, des nicht so „reibungslosen“ Ablaufs unseres Lebens auch eine Chance sein, uns anders zu finden. „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 9,5). Lassen wir uns von diesem Licht Mut machen, Hoffnung schenken und vielleicht auch selbst zum Licht für andere werden. 

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien alles Gute. Bleiben Sie wohlbehalten. 

Es grüßt Sie
Elisabeth Sailer (Pastoralreferentin, Mariä Himmelfahrt)