Gedanken zum Evangelium des 5. Fastensonntags

Lazarus ist tot.

Der Grabstein und die Leichenbinden sind sichtbare Zeichen dafür, dass er nicht mehr zu den Lebenden gehört. Doch auf den Ruf Jesu hin, können der Stein und die Leichenbinden entfernt werden, und neues Leben wird wieder möglich.

Durch das ganze Johannesevangelium zieht sich wie ein roter Faden die Botschaft: Jesus ist der von Gott gesandte Christus, er verleiht dem, der an ihn glaubt und sich an ihm festhält ein Leben, das durch den Tod nicht zerstört werden kann (Joh 11,25). Denn Jesus selbst ist die Auferstehung und das Leben, wie er in dem Gespräch mit der trauernden Martha betont. Zwei Wochen vor Ostern begegnet uns hier eigentlich schon ein Osterevangelium.
Will das Evangelium von der Auferweckung des Lazarus also eine Antwort auf die Frage sein, ob es ein Leben nach dem Tod gibt?  Auch, aber nicht nur. Wenn Jesus an anderer Stelle „Leben in Fülle“ verspricht (Joh 10,10), so meint er ein tief erfülltes Dasein auch  schon hier und jetzt, in der Verbindung mit ihm, ein Dasein, das dem Leben dient und nicht dem Tod in all seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen und Mechanismen.

Wie viele Menschen sind schon mitten im Leben wie tot, ohne Hoffnung, ohne Dankbarkeit, ohne lebendige Beziehungen, ohne Lebensfreude? Jesus aber ruft die Menschen heraus aus ihren Gräbern: „Komm heraus, Lazarus!“ ruft er.
Manchmal schaffen wir uns die Leichenbinden, die unsere Lebendigkeit fesseln ja selber. Doch nicht alle Leichenbinden sind selbst gemacht und nicht alle können wir aus eigener Kraft lösen. Deshalb nimmt Jesus auch die Umstehenden in die Pflicht: „Nehmt den Stein weg“ fordert er und „Löst ihm die Binden und lasst ihn gehen!“

Das große kirchliche Hilfswerk MISEREOR nimmt diese Aufforderung ernst. Seit mehr als 50 Jahren versucht es, im Glauben an den lebendigen Christus, lebensfeindliche Strukturen zu bekämpfen. Der 5. Fastensonntag ist traditionell der MISEREOR-Sonntag, an dem wir auf die Arbeit dieses kirchlichen Hilfswerkes schauen und damit unseren Blick und unser Interesse von uns selbst auf die ganze Weltkirche hin ausweiten. Denn überall auf der Welt versuchen kirchliche Einrichtungen die Fesseln der Angst, der Not und des Hungers zu lösen und bitten dafür am MISREOR-Sonntag um unsere finanzielle Unterstützung und um unser Gebet.

Momentan sind wir alle durch die Corona-Krise sehr mit uns selbst und unserer nächsten Umgebung beschäftigt. Dabei entstehen eine ganze Reihe von nachbarschaftlichen Hilfsangeboten und Solidaritätsaktionen. Das gibt Hoffnung, denn es sind Zeichen von Lebendigkeit und  Nächstenliebe, notwendige Zeichen gegen die Verunsicherung und Angst.
Vergessen wir dabei aber nicht unsere Brüder und Schwestern in den Ländern Afrikas, wo die Heuschrecken ganze Landstriche kahl fressen und die Menschen die Auswirkungen des Klimawandels bereits ausbaden müssen; vergessen wir nicht die Menschen auf der Flucht und in den Flüchtlingslagern und vergessen wir nicht die Menschen in den Kriegsgebieten dieser Erde, deren Leben tagtäglich durch den Tod bedroht und deren Lebensraum gnadenlos zerbombt wird.

Das Coronavirus ist leider nicht die einzige Bedrohung für das Leben unzähliger Menschen.

Viele Grüße
Ursula Liebmann-Brack