Gedanken zum Evangelium

Für den heutigen Sonntag standen zwei Osterevangelien zur Auswahl; ich habe mich spontan für diese Weggeschichte entschieden, in der ich viele Parallelen zu unserem Weg als suchende und glaubende Menschen heute sehe.

Die beiden Jünger sind nach den furchtbaren Ereignissen am Karfreitag in Jerusalem regelrecht auf der Flucht aus dieser Stadt. Alles, was sie geglaubt und gehofft hatten, ihr ganzer Lebensentwurf, der sich auf die Person Jesu und seine Botschaft vom Reich Gottes gründete, ist zerstört, alles ist fragwürdig geworden. In grenzenloser Trauer und Enttäuschung können sie mit diesem Gerede von einer Auferstehung nichts anfangen - was sollen solch schöne Worte? - wo sie im Moment doch nur Verlassenheit, Sinnlosigkeit und Leere empfinden können. Wo ist Gott? Wo liegt der Sinn? Wie soll es nun weiter gehen?

Ich finde es sehr anrührend, wie sanft Gott selbst in dieser Erzählung eine Wende herbeiführt. Da gibt es kein überwältigendes Wunder, keine Strafpredigt gegen den Zweifel, keine plötzliche Erleuchtung. Gott ist in Jesus, dem Auferstandenen, einfach da und geht den Weg des Fragens und Trauerns mit. Wie ein guter Therapeut hilft er den beiden Jüngern das Erlebte auf der Basis dessen, was sie bisher erfahren, verstanden und geglaubt haben, neu zu verstehen (vv. 25-27), sodass sie schließlich seine lebendige Gegenwart als innere Gewissheit erfahren (v. 32: „brannte uns nicht das Herz?“). Diese Erfahrung verändert ihr ganzes Lebensgefühl, sie gibt ihnen eine neue Perspektive, sodass sie nicht mehr davonlaufen, sondern sogar zu ihren Freunden nach Jerusalem zurückkehren, um das erlebte mit ihnen zu teilen.

In Krisenzeiten fragen auch wir oft danach, wo Gott denn nun ist und ob die Frohe Botschaft nur aus schönen Worten besteht, oder ob und wie sie trägt und Kraft gibt.

Die Emmauserzählung tröstet mit dem Bild, dass Gott in Christus immer mitgeht, auch wenn wir ihn nicht erkennen oder spüren. Er ist und bleibt der „Ich-bin-da“, als der er sich schon im Alten Bund offenbart hat. Um ihn zu entdecken hilft es, sich von den Worten der Heiligen Schrift inspirieren zu lassen und mit anderen glaubenden und suchenden Menschen im Gespräch zu bleiben. Glaube ist ja nichts Statisches, kein Besitz, den ich ein für allemal in der Tasche habe. Glaube ist ein lebendiges Geschehen. Er braucht die immer neue Begegnung mit dem Auferstandenen und er braucht die Gemeinschaft der Glaubenden, ganz besonders die Mahlgemeinschaft, denn am Brechen des Brotes erkannten die Jünger den auferstandenen Herrn (v. 35).

Auch wenn wir zurzeit diese Mahlgemeinschaft nicht feiern können, so können wir doch miteinander glaubend auf dem Weg bleiben: wir können einander ermutigen, uns gegenseitig unterstützen, trösten, Anteil nehmen, füreinander beten und Gott - wie die Emmausjünger - immer wieder bitten: Bleib doch bei uns!

Amen.

Ursula Liebmann-Brack