Gedanken zum Palmsonntag

Wie geht es Ihnen in diesen Zeiten? Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie in diesem Hausarrest, der eine lebensrettende Maßnahme ist? Sind Sie voller Sorgen? Leiden Sie darunter, Ihre Liebsten nicht um sich haben zu können? Gehen Sie selbst einkaufen oder haben Sie jemanden dafür?

Von welchen Vorräten leben Sie? Nudeln, Dosen, Gefriertruhe, Eingemachtes…….

Ja, von welchen Vorräten leben wir Menschen? Die seelische Nahrung, die wir alle brauchen, bekommen wir jetzt voneinander in der Familie, die auch abgeschottet ist. Die Alleinstehenden holen sich Nahrung übers Telefon und übers Internet, auch aus dem Fernseher und dem Radio oder durch Lesen.

Zum Glück hat unsere Seele einen Vorratsspeicher, aus dem sie jetzt schöpfen kann: Schöne Erinnerungen und die wunderbare Erfahrung, dass alles auch mal wieder gut wird.

Am Sonntag feiern wir Palmsonntag, dieses schöne Fest für Augen, Ohren und den Gemeinschaftssinn der Pfarrgemeinden: Jesus zieht als König in die Stadt Jerusalem ein, er reitet auf einem Esel, die Menschen freuen sich überschwänglich. In unseren Gemeinden inszenieren wir diese Überlieferung normalerweise mit einem feierlichen Einzug in die Kirche. Die Kinder tragen ihre selbstgebastelten Palmboschen und singen dabei.“ Jesus zieht in Jerusalem ein, alle Leute fangen auf der Straße an zu schrein: Hosianna, Hosianna, Hosianna in der Höh!“

Dieses Jahr können wir nicht beieinander sein. Wir müssen von unseren Vorräten leben: Erinnerungen an die früheren Palmsonntage und der schon vertrocknete Palmstrauß am Kreuz sagen uns, dass wir letztes Jahr noch feierlich den Palmsonntag begangen haben. Wehmut kommt auf: Wann sehen wir uns wieder in der Kirche? Wie lange müssen wir das social distancing noch ertragen?

Doch lasst uns auf den Ruf der Menschen damals in Jerusalem hören: „Hosianna!“ Das heißt nichts anderes als: „Herr, hilf doch!“ Stellen wir uns vor, wir stehen alle in unserer Coronanot am Straßenrand und rufen: „Herr, hilf uns!“ Jesus, mach diesem Schrecken ein Ende! Hilf doch den Infizierten, den Sterbenden, den Ärzten, den Pflegern, den Laborangestellten! Herr, gib Kraft allen, die uns weiterhin mit Nahrungsmitteln, Medizin und Post versorgen! Sei bei den Menschen in den Altenheimen! Sie bei denen, die die Angst um ihre Existenz schlaflos macht, denen um ihren Arbeitsplatz bange ist! Und so wird der Jubel darüber, dass Jesus kommt, zu einem Gebet in größtem Elend: „Hosianna! Hosianna! Hosianna in der Höh! Herr, hilf doch, DU in der Höhe!“

Der Psalm 118, aus dem das Hosianna stammt, lautet in Vers 25 und Vers 28:“ Ach, Herr, bring doch Hilfe! (Hosianna!) Ach, Herr, gib doch Gelingen! Du bist mein Gott, dir will ich danken; mein Gott, dich will ich rühmen. Dankt dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.“

Und nach dem feierlichen Einzug in die Kirche hören wir am Palmsonntag nach der Lesung die Passion, dieses Jahr im Lesejahr A die Leidensgeschichte nach Matthäus. Wenn normale Zeiten wären, würde sie in verteilten Rollen vom Pfarrer und von zwei Lektoren gelesen werden. Doch dieses Jahr? Wir hören sie am Fernseher oder durchs Internet oder lesen sie selbst in der Bibel. Das gemeinsame Ertragen des vielen Leids, in das Jesus hineingehen musste, fällt weg, wir sind auf uns selbst gestellt. Die Pfarrgemeinde fehlt.

Wieder gehen wir in unsere seelische Vorratskammer, von der wir momentan leben. Von der Passionsgeschichte bleibt bei mir immer besonders haften, dass wir nach Jesu Hinscheiden zum Hinknien eingeladen werden. Bei Mt 27,50 hören wir: „Jesus aber schrie noch einmal mit lauter Stimme. Dann hauchte er den Geist aus.“

Beim anschließenden Kniefall solidarisieren wir uns mit Jesus, wir legen unser persönliches Leid vor ihn hin. Vor allem lassen wir uns tief berühren von den Schrecken der Coronapandemie und den Krisenherden der Welt. Wir wissen: In all diese entsetzliche Not in Bergamo, in Madrid, in New York, in die Flüchlingslager und in die Kriegsgebiete des Nahen Ostens ist Jesus hineingestiegen, hinabgestiegen. Er ist mitten drin bei den leidenden Menschen, mitten in der absoluten Unsicherheit, die wir auf der ganzen Welt gerade aushalten müssen. Nur er ist der Boden, der uns Halt gibt.

Stellen wir uns vor, wir stehen versammelt in der Kirche: Wir erheben uns wieder aus der Kniebeuge und was sehen wir: Die Kinder mit ihren bunten, fröhlichen Palmboschen. Kinder: ein Lebenszeichen, ein Hoffnungszeichen! Es gibt Leben in all dem Sterben! Leben nach dem Leid der Kreuzigung! Leben nach den Zeiten der Coronakrise! Hosianna! Herr, hilf doch, dass wir das bald erleben dürfen. Dann sehen wir uns live, dann brauchen wir keine Technik, keine Konserven mehr! Dann hat der Mensch wieder den Menschen.

Eine trotzdem hoffnungsvolle Karwoche wünsche ich Ihnen!

Üben wir weiterhin die Liebe durch Anrufe, Einkaufshilfen und die Einhaltung der Regeln.

Seien Sie behütet und gesegnet!

Gabriele Heider (Gemeindereferentin)