Gedanken zum Evangelium

Liebe Christinnen und Christen unserer Pfarreiengemeinschaft Kempten-Ost!

Seit 7 Wochen leben wir in Coronazeiten und es geht uns unterschiedlich. Einerseits tut uns die Entschleunigung gut, wir haben neben unseren täglichen Arbeitsverpflichtungen kaum Termine, schon gar keine im Freizeitbereich. Es ist zu hören: „Waren wir vor Corona nicht alle verrückt geworden, als wir nur noch von Termin zu Termin gerannt sind und außer Atem gekommen sind? Haben wir vor lauter Stress nicht viele Menschen einfach im Regen stehen lassen?“

Dann aber kommen die vielen ABER, die diese Zeit unendlich schwer machen:
„Mich bedrückt, dass ich meine Mutter im Altenheim nicht besuchen kann; diese kostbare Zeit, die wir noch hatten, wird uns geraubt.“
„Mich bedrückt, dass ich meine schwerkranke Frau in der Klinik nicht besuchen kann. Sie bräuchte dringend meinen Trost und meine Nähe.“
„Mich bedrückt, dass meine Kinder nicht in die Schule gehen können. Der Computer ist kein Ersatz. Das soziale Lernen mit den Schulkameraden kommt zu kurz. Sie vermissen sehr ihre Schulfreunde.“
„Mich bedrückt, dass es keine Gottesdienste gibt. Ich brauche die guten Worte aus den Lesungen und die Gemeinschaft der Mahlfeier. Beim Fernsehgottesdienst bin ich allein. Mir fehlen auch die Kontakte auf dem Kirchplatz.“

Bei all diesen Klagen geht es darum, dass Türen verschlossen sind: die Tür zum Altenheim, zum Krankenhaus, zur Schule, zur Sakristei (Die Kirchentüren sind zum Gebet offen). Überall hängen große Hinweisschilder, warum die Schließung sein muss, aber die Türen gehen nicht auf.

In unserem heutigen Evangelium verwendet auch Jesus das Bild von der Tür. Er spricht von uns Menschen, die einen guten Hirten brauchen. Dieser gute Hirte geht ganz legal durch die Tür zu den Schafen, also er kommt in bester Absicht , um zu helfen und sich zu kümmern. Er schafft sich nicht gewaltsam Zutritt, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten, wie es die Diebe und Räuber tun.

Jesus ist auch in dieser schweren Coronazeit unser Hirte. Übertragen wir das Bild vom Hirten und den Schafen auf uns. Der Evangelist Johannes überliefert uns, wie gut Jesus mit uns Menschen umgeht: Er ruft uns Menschen, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt uns hinaus. Er geht uns voraus und wir folgen ihm, denn wir kennen seine Stimme.

Jesus und die Menschen: Die Beziehung ist von großem Vertrauen geprägt, wir wissen, dass wir bei Jesus in besten Händen sind. Er ist so vertrauenerweckend,  dass wir gerne seiner Spur folgen und seine Wege einschlagen.

Jesus bringt im Evangelium noch eine Steigerung indem er sagt: „Ich bin dieTür.“ Jesus als Tür schenkt Weite und Klarheit: Die Tür zu Jesus ist für uns immer offen und dahinter wartet unsere eindeutige Rettung. Wir werden Weide finden, d.h. das, was unser Leben glücklich macht. Und am Schluss des Bibelabschnitts steht der bekannte, tröstliche Satz: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“. (Joh 10,10)

Vielleicht bringt uns die Coronazeit zum Nachdenken: Wo finde ich das Leben in Fülle? Den Sinn und die Tiefe in meinem Leben? Im Konsum? Im immer Mehr und Höher und Weiter? Im Vergnügen und Freizeittrubel voller Animation und Entertainment? Oder liegt nicht das Leben in Fülle vor unseren Füßen: Wenn wir unsere herrliche Allgäuer Landschaft jetzt im Mai bewundern dürfen, wenn eine Nachbarin, die sehr verborgen lebt, nun für alle im Haus Schutzmasken näht, wenn wir beim Spazieren gehen viel Zeit für Gespräche haben und merken, dass der andere auch gerne reden will, wenn wir einen Brief von einem Schulkind bekommen…….. Sicherlich können Sie viele Beispiele dazu aus Ihrem Leben beitragen.

So gehen wir voller Mut und Vertrauen in die kommende Woche. Jesus, der unser Hirte und unsere Tür zum Leben in Fülle ist, möge uns begleiten.

Das wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen!

Gabriele Heider (Gemeindereferentin)