Gedanken zum Evangelium des Weißen Sonntag

Der Text aus dem Johannesevangelium am zweiten Sonntag der Osterzeit gibt zwei Ereignisse wieder, die eine Woche auseinanderliegen. Im ersten Teil erscheint der Auferstandene den Jüngern, die „aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren“ (Joh 20, 19). Die Erfahrung des gewaltsamen Todes Jesu am Kreuz, die Ängste, Zweifel, Resignation lassen die Jünger sich hinter verschlossenen Türen verschanzen. Ihr Vertrauen ist weg. In dieser Situation kommt der Auferstandene zu ihnen. Der Tod hat nicht das letzte Wort, aber dennoch ist nicht alles beim Alten. „Friede sei mit euch!“ - so grüßt er sie. Keine Vorwürfe, weil sie zweifelten! Vielmehr nimmt er ihre Ängste und Zweifel ernst.

Thomas, einer der Jünger, ist nicht bei den anderen. Er kann nicht glauben, was diese ihm berichten; er will Beweise sehen: „Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht“ (Joh 20, 25).

Dieses Zweifeln trägt Thomas bis heute die Bezeichnung „der Ungläubige“ ein.

Eine Woche später - so erzählt das Evangelium die zweite Begebenheit - erscheint der Auferstandene nochmals den Jüngern und diesmal ist auch Thomas anwesend - dieser „ungläubige“ Thomas, der nur das glauben will, was er mit seinen Händen „sehen“ kann.

Ein „Ungläubiger“ -  werden wir Thomas mit dieser Bezeichnung  gerecht? Ist Glaube nur dann ein „echter“ Glaube, wenn er ohne Zweifel alles für wahr hält. Schließen sich Glaube und Zweifel gegenseitig aus?

Sicher, Glaube hat etwas mit Vertrauen zu tun und Vertrauen ist immer auch ein Sprung ins Ungewisse. Dennoch bedeutet das nicht, dass Glaube etwas ein für alle mal Fertiges ist, dass nur der gläubig ist, der alles als gegeben hinnimmt. Glaube ist eine Aufgabe und das bedeutet doch, dass wir uns immer wieder neu um ihn bemühen müssen, dass auch immer wieder Zweifel unsere Glaubensfundamente ins Wanken bringen können. Kritische Fragen, eine ehrliche Auseinandersetzung mit Zweiflern und Zweifeln, das Zulassen von Widersprüchen, sind quasi wie Salz in der Speise des Glaubens. Gerade in Krisenzeiten - ausgelöst durch Ängste, Verunsicherungen, Unfriede, Trauer - wird unser Glaube immer wieder angefragt.

In diesen Tagen, in denen ein Virus uns zwingt unser Leben neu zu bedenken, ist uns Thomas vermutlich näher denn je.

Wir sind zwar gut vernetzt über Internet, Handys oder auch mal wieder den guten alten Brief. Dennoch ist uns der Trost des Alltags, der Rhythmus unseres Lebens, das Miteinander genommen; uns fehlt unser alltägliches Leben, das uns Sicherheit gibt.

Auch für die Jünger damals war es schwer als die Person Jesus in ihrem Alltag plötzlich fehlte und ihr Leben sich änderte. So wollte auch Thomas den „handgreiflichen“ Kontakt, um zu glauben. Immerhin hatten die Jünger damals noch die Erinnerung an die gemeinsame Zeit mit Jesus, die ihnen niemand nehmen konnte.

Um wie viel schwieriger ist es für uns heute, diesen Kontakt zu Jesus zu halten. Sicher wir haben Gebete, Sakramente, die Zeugnisse in der Bibel, die Gemeinschaft mit anderen im Glauben - und selbst das fehlt uns zur Zeit - aber eben nicht die körperliche Gegenwart. Wie schnell können sich da Zweifel einschleichen.

Glaube und Zweifel - zwei Seiten einer Medaille, die zusammengehören.

Jesus weiß um die Zweifel des Thomas. Er nimmt diese ernst, er geht auf ihn zu und ermutigt ihn, seine Hände in die Wunden zu legen. Die Wunden als Zeichen der Auferstehung - was für ein Bild! Der Auferstandene zeigt damit allen Zweiflern, dass sie von ihm ernstgenommen werden in ihren existentiellen Fragen und Anfragen.

Der evangelische Theologe Paul Tillich formulierte folgendermaßen: Gott, „der mir unendlich fern ist und der mir unvorstellbar nahe kommt … Nur wenn wir beides erfahren, wissen wir wirklich um ihn“.

Der Auferstandene lässt die Jünger und auch Thomas seine Nähe in einem Augenblick größter Gottesferne spüren. Das ermöglicht den Jüngern, die Türen zu öffnen; das veranlasst  Thomas zu dem Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20.28). Dieses Bekenntnis, das gleichzeitig den irdischen Jesus aber auch den auferstandenen Christus umfasst.

Türen öffnen - das wünschen wir uns heute mehr denn je.

Türen öffnen - eine Chance für uns, uns Neuem zu öffnen, Altes und Verkrustetes hinter uns zu lassen, uns neuen Perspektiven öffnen, dem Auferstandenen Raum in unserem Leben geben. Dann wird es Ostern auch für uns.

 

„Friede sei mit euch!“ - mit diesem Gruß des Auferstanden bleibe ich mit Ihnen verbunden.

Elisabeth Sailer (Pastoralreferentin, Mariä Himmelfahrt)