Hirtenwort zur Fastenzeit

Die Kirche ist nicht Gott
Geistliches Wort zur Fastenzeit 2020 von Diözesanadministrator Dr. Bertram Meier

Liebe Schwestern und Brüder!

Was ist bloß mit der Kirche los? Das frage nicht nur ich. Viele machen ein trauriges Gesicht, können sich kaum noch darüber freuen, dass sie katholisch sind. Das sah vor Jahren noch anders aus. Mancher denkt an den Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils zurück und an die Impulse, die von der Würzburger Synode ausgingen. Man träumte von einer offenen Kirche, den Menschen in ihrer Freude und Hoffnung, in ihrer Trauer und Angst zugewandt1 – weder abgeschottet noch abgehoben, sondern bodenständig und zugleich himmelwärts.

Nicht wenige sehen sich heute in ihren Erwartungen enttäuscht. Jugendliche fragen: Habe ich in der Kirche überhaupt Platz, will man mich da wirklich? - Eltern sagen: Wir selber bleiben noch dabei, aber unsere Kinder? Trotz allem erfahre ich es immer wieder: Der Hunger nach Gott ist durchaus bei vielen zu spüren. Sie suchen geistliche Nahrung. Finden sie bei uns das, was sie tatsächlich sättigt – oder werden sie abgespeist mit Konserven, deren Verfallsdatum überschritten ist?

Seit acht Monaten bin ich als Verwalter unseres Bistums nun schon mit Ihnen, liebe Mitglieder des Volkes Gottes, unterwegs. Dass mein Dienst von vielen herzlich und wohlwollend angenommen wird, weiß ich sehr zu schätzen. Zwar war ich hier kein Unbekannter, aber in der Zeit der Sedisvakanz durfte ich zahlreiche Gemeinden und Gemeinschaften noch besser kennenlernen – bei Firmungen, Einweihungen und Jubiläen, in Gesprächen und Begegnungen. Da mich Papst Franziskus mittlerweile zum neuen Bischof von Augsburg ernannt hat, wird unser gemeinsamer Weg in Zukunft noch intensiver und verbindlicher.

Ich freue mich auf die Jahre, die uns geschenkt werden, um Leben und Glauben miteinander zu teilen. Wie unterschiedlich wir auch sind, das Anliegen, das Evangelium unter die Leute zu bringen, soll uns zusammenschweißen. Nur miteinander werden wir diese Aufgabe, die Jesus uns stellt (vgl. Mk 16,15), meistern. Es gibt ja kein Monopol für diesen Auftrag. Wir alle sind dazu ermächtigt – kraft unserer Taufe und Firmung. Gemeinsam werden wir uns dieser Aufgabe stellen, denn es gibt viele Wege und Weisen, die Frohe Botschaft anzubieten und weiterzutragen. Das erfordert Achtung und Respekt voreinander und vor dem Reichtum der Initiativen. Ich sehe darin eine pastorale Querschnittsaufgabe.

So ist meine Vorfreude auf meinen Dienst als Bischof groß. Wenn ich in unsere Städte komme oder übers Land fahre, beeindrucken mich die Türme unserer Kirchen und Kapellen: stumme Zeugen des Glaubens, wie er seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergetragen wird. Sie kommen mir vor wie Ausrufezeichen. Der Dichter Reiner Kunze bringt es auf den Punkt: „Damit die Erde hafte am himmel, schlugen die menschen kirchtürme in ihn.“

Kirchtürme werden normalerweise tief in der Erde verankert, um standhaft zu sein. In kühner Umkehr dieser Perspektive spricht der Dichter von der Verankerung dieser Türme im Himmel, zu dem sie wie erhobene Zeigefinger weisen. Zwar machen Kirchtürme und Gotteshäuser die Welt nicht gleich zu einem himmlischen Ort, aber sie halten die Erinnerung wach an die Nähe Gottes. Sie bewahren die Vergangenheit und verpflichten für die Zukunft. Unsere Kirchen mahnen uns: Dieser Ort ist heiliger Boden, der Raum, wo Christus in seinem Wort und in der Eucharistie, im Tabernakel, gegenwärtig ist. Und gleichzeitig weisen die Gotteshäuser über die Immobilie hinaus, indem sie eine quasi missionarische Bedeutung für Fernstehende haben.

Ihre Botschaft lautet: Hier in der Kirche triffst Du auf Menschen, die von Gott angerührt sind, in deren Gemeinschaft Du dem lebendigen Gott begegnen kannst.

Jedenfalls zeigt sich uns die Kirche heute als durchaus schillernde Erscheinung. Es liegt mir fern, das Gewicht kritischer Anfragen an sie und damit an uns alle herunterzuspielen. Dennoch möchte ich nicht einzelne Punkte abhandeln, was den Rahmen dieses Briefes sprengen würde, sondern einen Gedanken entfalten, der uns helfen kann, der Kirche ihren Ort zuzuweisen und sie besser zu verstehen. Der Gedanke lautet: Die Kirche ist nicht Gott. Sie ist nicht Ziel unseres Glaubens, sondern im wahrsten Sinn des Wortes „vor-läufig“. Zweifellos ist sie als Gemeinschaft der Glaubenden unbedingt notwendig, denn keiner lebt und glaubt für sich allein. Ohne die Vernetzung mit den Menschen, die vor mir geglaubt haben und die jetzt mit mir unterwegs sind, wäre ich nicht der, der ich bin und sein möchte. Auf keinen Fall will ich die Kirche mit ihrem Schatz an Erfahrungen, dem Reichtum ihrer Begabungen und der Vielfalt der Wege zu Gott – vor allem der Heiligen wegen – missen.

Aber die Kirche ist nicht das Ziel, sie ist nicht Gott. Ihre DNA besteht darin, dass sie ganz und gar von Gottes Treue gehalten wird – auch wenn sie aus Menschen besteht und daher oft allzu menschliche Züge aufweist. Papst em. Benedikt XVI. (Joseph Ratzinger) hat schon als junger Theologe wiederholt vor dem „Ekklesiomonismus“ gewarnt3, vor einer Tendenz, die Kirche ins Zentrum des Glaubens zu rücken. Stattdessen ist er ein Anwalt des Christozentrismus: ein Ansatz mit großer ökumenischer Tragweite. Darum darf man „eine Totalidentifikation mit der jeweiligen empirischen Kirche nicht wollen.“ 4

Das würde bedeuten, die Kirche sei vollkommen und hätte keine Umkehr mehr nötig. Tatsächlich aber beginnen wir jede hl. Messe, zu der wir uns als Kirche versammeln, mit dem Schuldbekenntnis. Außerdem ist es kein Zufall, dass uns der Empfang des Bußsakramentes gerade in der Fastenzeit besonders ans Herz gelegt wird – übrigens sind hier alle Glieder der Kirche einbezogen, auch die Kleriker bis zu den Bischöfen und dem Papst.

Um den Gedanken noch zu vertiefen, lade ich ein, in unser Apostolisches Glaubensbekenntnis zu blicken. Der Text macht hier einen wichtigen Unterschied, den wir leider in der deutschen Sprache zu wenig mitvollziehen.5 Im Credo beten wir: „Credo in Deum“, ich glaube an Gott, d.h. ich glaube in ihn hinein, ich lege mich in seine Hand, ich überlasse mich ihm. Es geht um eine persönliche Beziehung, um Freundschaft mit Gott. Dagegen heißt es im Hinblick auf die Kirche: Credo ecclesiam, ich glaube „die Kirche“ als Mittel, als Weg zum Ziel, als „Zeichen und Werkzeug“ des Heils6 – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Damit ist die Kirche ins rechte Licht gerückt. Sie ist nicht Gott, aber sie hat die Aufgabe, die Menschen mit Gott in Verbindung zu bringen, Gott und Menschheit zu vereinen. Weil Gott die Kirche nicht fallen lässt, dürfen auch wir zu ihr stehen, sie mit ihren Fehlern und Schwächen annehmen und vor allem sie lieben. Wir sind nicht bestimmter Menschen wegen in der Kirche, sondern um Gottes willen. Und umgekehrt sollten wir uns um Gottes willen nicht bestimmter Menschen wegen von der Kirche verabschieden. Was die Kirche an Mitteln des Heils zu bieten hat, ist wichtiger und stärker als alles, was sie in ihrer Geschichte aufgeladen hat und als Last mit sich herumschleppt. Die Fastenzeit ist eine Gelegenheit, die Quellen des Heils anzuzapfen, die in der Kirche bereitstehen. Denn sie ist der Raum, wo wir Gott suchen und finden können.

Einige praktische Beispiele, die für viele andere stehen, empfehle ich als Fastenvorsätze: Bibelgespräche und Predigtreihen, Exerzitien im Alltag, Besinnungstage und Glaubenskurse, den Empfang der Sakramente, besonders der Buße und der Eucharistie. Wichtig dabei ist, dass wir uns nicht auf die Liturgie fixieren. Denn wie sagte Bischof Joachim Wanke: „Uns fehlt die Eucharistie des Lebens, darum bleibt die Eucharistie auf den Altären so ohne Resonanz. Wir feiern die Eucharistie zu oft liturgisch, und wir leben sie zu wenig im Alltag.“7

Ja, der Alltag ist der Testfall der Eucharistie. Auch die eucharistische Anbetung, die vielerorts neu entdeckt wird, bekommt nur dann Sinn und Fundament, wenn sie sich als Grundhaltung entfaltet in der glaubwürdigen Liebe zum Nächsten, der gelebten Caritas. Das hat der hl. Papst Johannes Paul II. klar erkannt: „Der Mensch ist der erste und grundlegende Weg, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muss – ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung führt.“8

Lassen wir uns von Jesus Christus mitnehmen auf den Weg zu Kreuz und Auferstehung, um so gemeinsam den Auftrag zu erfüllen, der uns als Kirche gestellt ist: Menschen zu helfen, Gott zu suchen und zu finden. Dazu erbitte ich uns allen Gottes Segen und den Rückenwind seines Heiligen Geistes.

Augsburg, am 22. Februar 2020, Fest der Cathedra Petri

Prälat Dr. Bertram Meier
Diözesanadministrator