Ein Schiff das sich Gemeinde nennt...

1963 - 2013: 50 Jahre St. Ulrich Kempten

Vorgeschichte (vor 1939)

Schon vor 1939 gab es Überlegungen zum Bau einer Kirche in Kempten – Ost. Doch Drittes Reich und der zweite Weltkrieg verhinderten Planung und Baummaßnahmen. Ab 1949 nahm der bestehende Kirchenbau-Verein seine Arbeit wieder auf.

Bei der Einweihung der St. Ulrichs-Siedlung in der Saarlandstraße im November 1955 beauftragte der damalige Diözesanbischof Dr. Josef Freundorfer die Kirchenverwaltung Christi Himmelfahrt und den Kirchenbauverein, mit der Stadt Kempten die Platzfrage für die Kirche zu klären. Schon damals war es der Wunsch des Bischofs, dass die zukünftige Kirche den Namen des heiligen Ulrich tragen soll. 1956 stellte die Stadt Kempten den Platz des Lerpscher Hofes unentgeltlich zur Verfügung. 1959 erhielt Regierungs-Baumeister Willy Hornung aus Ottobeuren den Auftrag zum Bau von Kirche und Pfarrzentrum.

Im März 1960 begann man mit den Abbrucharbeiten des Lerpscher Hofes, die sich bis November hinzogen. Schließlich konnte am 9. Juli 1961 die feierliche Grundsteinlegung durch den Finanzdirektor der Diözese, Domdekan Rampp erfolgen. 1963 waren schließlich die Bauarbeiten abgeschlossen und Kirche und Pfarrzentrum wurden im September eingeweiht.

Einweihung am 22. September 1963

Am 22. September 1963 konsekrierte Weihbischof Dr. Josef Zimmermann die neue Kirche im Osten der Stadt. Die erste Heilige Messe wurde im Gotteshaus gehalten. Sie ist die fünfte katholische Pfarrkirche in Kempten und wurde dem Bischof des Bistums, dem Hl. Ulrich, geweiht.

Unwillkürlich wird man beim Anblick dieser großen modernen Kirche an ein Schiff erinnert. Die ganze Form weist auf einen Schiffsrumpf hin, die Fenster sind wie Bullaugen gestaltet und der große Turm mit dem Kreuz ragt wie ein Mast weit über die Stadt als lebendiges Zeugnis des Glaubens.

Der Stadtpfarrer von Christi Himmelfahrt, Heribert Staubwasser, sorgte dafür, dass nun regelmäßig Gottesdienst für die Bewohner auf dem Lindenberg gefeiert werden konnte.

Nach dem Tod des Diözesanbischofs Dr. Josef Freundorfer war es eine der ersten Amtshandlungen des neuen Bischofs, Dr. Josef Stimpfle, durch entsprechende Urkunde die Pfarrei St. Ulrich zu errichten. Dies geschah am 22. Januar 1964. Erster Seelsorger wurde der bisher in Wertingen tätige Studienrat Xaver Weiher, der mit seinen 36 Jahren damals der jüngste Stadtpfarrer der Diözese war.

Das Schiff „Gemeinde St. Ulrich“ konnte nun in See stechen!

Aufbruch 1963

Der junge, dynamische Stadtpfarrer Weiher verstand es in kurzer Zeit eine lebendige Pfarrgemeinde aufzubauen. Rückenwind erhielt er durch das 2. vatikanische Konzil, das einen Aufbruch mit neuem Schwung in der Kirche vorbereitete.

In dem Stadtteil „Auf dem Lindenberg“ befanden sich ca. 4600 Katholiken, darunter viele Heimatvertriebene, die in St. Ulrich eine geistliche Mitte und Heimstatt fanden. Es entstanden Gruppen für junge Menschen (Pfarrjugend, Pfadfinder, Ministranten) und Gruppen für Familien und Frauen. Für die Senioren gab es den Club 60 und den Altenklub für die Frauen. Auch das Werkvolk (später KAB) etablierte sich.

Zahlreiche Aktivitäten belebten das pfarrliche Leben: Frauengymnastik, Jugendforum, Bibelstunde, Frühschoppen nach der Sonntagsmesse, Veranstaltungen der kath. Akademie im Pfarrsaal. Später kam neben der bestehenden Kirchenverwaltung auch noch etwas ganz Neues hinzu: Laien, die sich im Pfarrgemeinderat, als Lektor oder auch als Kommunionhelfer engagierten.

Die erste außerschulische Kommunionvorbereitung in der Stadt Kempten wurde in St. Ulrich durchgeführt; daraus wuchs die Frauengruppe „Müttertreff“, die heute noch besteht. 1966 erschien der erste Pfarrbrief „Udalricus“. Das Pfarrfest St. Ulrich auf dem Kirchplatz hatte seine Premiere 1977. In dem großen Pfarrsaal wurden viele Veranstaltungen durchgeführt; nicht nur durch die Pfarrei, sondern viele Gruppen aus der Stadt nutzten diese einmalige Möglichkeit.

Mitte des ganzen Pfarrzentrums war die Kirche, in der sich viele Christen regelmäßig zur Hl. Messe einfanden. Im Pfarrbrief „Udalricus“ Dezember 1968 bedauerte Stadtpfarrer Weiher den Rückgang der Kirchenbesucher von 1600 auf 1400 am Sonntag! Noch ein kurzer Blick in die Statistik: Im Jahre 1966 wurden 91 Kinder getauft (davon 45 in der Pfarrkirche), 43 Paare haben sich das Ja-Wort in der Kirche gegeben, 51 Pfarrangehörige wurden von Gott aus diesem Leben abberufen.

Welch ein hoffnungsfroher Beginn in der jungen Pfarrgemeinde!!!

Auf jedem Schiff muss es jemanden geben, der das Steuer in der Hand hält. Er wird von seinen Offizieren beraten, hat einen aufmerksamen Blick und ein offenes Ohr für die Mannschaft und bezieht sie in wesentlichen Entscheidungen bei der Überfahrt mit ein. Dieser Jemand heißt auf dem Schiff „Kapitän“; auf dem Gemeindeschiff „Seelsorger“!

Im Schiff, das sich Gemeinde nennt, muss eine Mannschaft sein, sonst ist man auf der weiten Fahrt verloren und allein. Ein jeder stehe, wo er steht, und tue seine Pflicht, wenn er sein Teil nicht treu erfüllt, gelingt das Ganze nicht. Und was die Mannschaft auf dem Schiff ganz fest zusammenschweißt in Glaube, Hoffnung, Zuversicht, ist Gottes guter Geis.

Weiterentwicklung

Die „Pionierarbeiten“ trugen Früchte; die Menschen rund um den Ulricher Kirchturm haben ihr Zuhause gefunden. Ein Kinderhort, der 1967 im Pfarrzentrum errichtet wurde, trug wesentlich dazu bei.  Lindenbergschule, Kindergarten und Kinderhort und Kirche arbeiteten dank Pfr. Weiher Hand in Hand.

Weiteres konnte in Angriff genommen werden: Der Bau einer Orgel in St.Ulrich; ein Kreuzweg für die Kirche und schließlich Umgestaltung des Altarraumes. Gemäß dem zweiten vatikanischen Konzil wurde 1980 ein Volksaltar errichtet. In diesem Zusammenhang darf ein langjähriger und unermüdlicher Kirchenpfleger nicht unerwähnt bleiben: Anton Meßmer wirkte 30 Jahre lang als Kirchenpfleger.

Bei der ersten Visitation durch Bischof Dr. Josef Stimpfle bescheinigte der Oberhirte dem Ortspfarrer, dass seine Gemeinde bestens bestellt sei.

Nach 22 Jahren intensiver Seelsorge beschloss Stadtpfarrer Weiher, das Gemeindeschiff St. Ulrich zu verlassen und sich neuen Herausforderungen zu stellen.

Erst nach 10 Monaten Vakanz kam am 1. Juli 1987 ein neuer Kapitän an Bord:

Stadtpfarrer Heribert Denzle, der sich mit Elan und Fröhlichkeit  in die Pfarrgemeinde einbrachte. Der Gottesdienst, die Liturgie, war für ihn ganz wesentlich. Kinderkirche und Familiengottesdienste wurden mit  Gemeindereferentin Gabriele Heider als weiteres Angebot eingeführt. Der Gebetskreis St. Ulrich entstand in dieser Zeit.

Sanierung 2004 -2005

Doch wird Heribert Denzle wohl als "Baumeister" von St. Ulrich in Erinnerung bleiben. Neugestaltung des Kirchplatzes mit Ulrichsbrunnen, größere Renovierungsarbeiten rund um das Pfarrzentrum wurde notwendig.

Der schwerste Brocken dabei war die Kirche selbst, die eine dringende Sanierung brauchte, die sehr kostenintensiv war. Viele Überlegungen standen an: Kirche in der Kirche; Abriss der Kirche und Bau einer kleineren Kirche. Endlich Entschied sich Kirchen- verwaltung und Diözese für Abriss und Bau einer neuen Kirche.

Doch plötzlich stand das Urheberrecht im Raum. Ein langwieriger Rechtsstreit endete mit dem Kompromiss: Sanierung der Kirche und neue Innengestaltung. So entstand die heutige "Zeltkirche" in dem bestehenden Gotteshaus mit einem neuen Altar in der Mitte.

Altarweiche 2005

Im Oktober 2005 erfolgte die feierliche Weihe mit Altarweihe der neu renovierten Kirche durch Diözesanbischof Walter Mixa.

Waren es die Kräfte raubenden Baustellen rund um das Pfarrzentrum, waren es gesellschaftliche Veränderungen oder auch Veränderungen der Bewohner auf dem Lindenberg? Fast unmerklich ging die Zahl der Gottesdienstbesucher zurück; damit verbunden auch so manche Gruppen der Pfarrei. Besonders bei den jungen Menschen: Die Pfadfinder lösten sich auf, Pfarrjugend döste vor sich hin und Ministranten wurden weniger und weniger.

In die Amtszeit von Pfarrer Denzle fiel auch die Errichtung der Pfarreiengemeinschaft St.Ulrich und St. Magnus, Lenzfried. Wenn ihm auch Kapläne zur Seite standen, so war es doch ein schwieriges Unterfangen, die beiden so unterschiedlichen Pfarrgemeinden zusammen zu führen. Der "Kapitän" musste zwei "Gemeinde-Schiffe" auf Kurs bringen. Wen wundert's, dass er nach 20 Jahren müde wurde und sich um eine andere Pfarrei bewarb.

Im Jahr 2007 übergab er die "Kapitänsbrücke" an den neuen Stadtpfarrer Aleksander Gajewski.

Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, liegt oft im Hafen fest, weil sich's in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt. Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit. Doch wer Gefahr und Leiden scheut, erlebt von Gott nicht viel. Nur wer das Wagnis auf sich nimmt, gelangt ans große Ziel!

Auf offenem Meer wird das Schiff immer wieder von Stürmen bedroht. Große Wellen preschen gegen den Rumpf; Orkane peitschen gegen das Schiff. Die Segel müssen schnellstens eingeholt und somit geschützt werden. Die Mannschaft hat die Aufgabe, sich gegenseitig zu sichern und zu ermutigen.

Auch das Gemeindeschiff "St. Ulrich" muss diese Stürme erleben und überleben. In diesen Zeiten des Sturms kann nur einer helfen: Jesus Christus!

Nur ER kann den Stürmen Einhalt gebieten. Er wirft den Rettungsring, sowohl für die Menschen, die über Bord gegangen sind als auch für die, die hilflos im Meer herumtreiben und mit dem Untergang z kämpfen haben. Der rettende Ring ist unser klarer Auftrag. Das Ziel ist, so viel wie möglich mit ins Boot zu nehmen.

Neue Herausforderungen:

Stadtpfarrer Aleksander Gajewski (er ist in diesem Jahr auch ein 50iger) verstand es von Anfang an, den Spagat zwischen den beiden Gemeinde-Schiffen mit den Beibooten Leubas und Ursulasried zu finden. Er war und ist für alle da.

Auch die Gläubigen mussten sich neu orientieren. Es war nicht mehr selbstverständlich, dass der eine Priester nur für eine Gemeinde da sein kann. Neue Formen des Gottesdienstes wurden eingeführt. Wortgottesdienste, die abwechselnd in der Pfarreiengemeinschaft angeboten wurden. Dafür haben sich engagierte Laien ausbilden lassen, die mit Freude diesen Dienst wahrnehmen. Er wird von den Pfarrgemeinden unterschiedlich angenommen.

Nach 10 Jahren Pfarreiengemeinschaft konnten die Ulricher und Lenzfrieder 2012 feststellen: Wir haben einen guten Weg gefunden und sind zusammengewachsen. So manche Aktivitäten werden inzwischen gemeinsam durchgeführt. Sowohl im geselligen als auch im geistlichen Bereich.

2011 zogen neue Stürme auf, die auch die Gemeinde St. Ulrich nicht unberührt ließen. Die Mutterpfarrei "Christi Himmelfahrt" wurde im Rahmen der Neustrukturierung der Diözese Augsburg aufgelöst, trotz erheblichen Widerstand der betroffenen Gläubigen. Die Pfarrgrenzen wurden neu festgelegt und ca. 1200 Katholiken mussten in dem Gemeindeschiff "St. Ulrich" aufgenommen werden. Das bedeutet mehr Verantwortung für den Stadtpfarrer und seine "Mannschaft", aber auch die Möglichkeit für Neues.

Erfreulich ist zu vermerken: Die Jugendarbeit wird neu aktiviert. Katrin Hefele und Melanie Colditz bauen je eine Jugendgruppe auf. Dafür Danke!