„Seid unverschämt katholisch!“
Für rund tausend Teilnehmer an der traditionellen Männerwallfahrt war es ein gewohntes Bild, aber ein ungewohnter Hingucker für die Passanten am Wegesrand, die plötzlich ihre Handys zückten oder kurz ihre Blicke vom WM-Spiel abwendeten: Junge und ältere Männer, in Uniformen, Tracht oder Alltagskleidung, dutzende Banner- und Fahnenträger aus allen Teilen des Bistums - und vorneweg Polizeifahrzeuge mit Blaulicht. An diesem Dienstagabend sind sie – wie es seit mehr als sieben Jahrzehnten guter Brauch ist - wieder während der Ulrichswoche vom Augsburger Dom vorbei am Rathaus und über die prachtvolle Maximilianstraße in einer Prozession zur Basilika gezogen.
Darunter waren auch heuer wieder rund zwei Dutzend Männer, die von Türkheim aus über Nacht zum Grab des heiligen Ulrich gepilgert waren, und weitere Pilgergruppen, die aus dem Umland den Weg nach Augsburg unter die Füße nahmen. Dort wurden sie alle vom Glockengeläut sowie den basilikaerschütternden Ulrichsbläsern und virtuosem Orgelspiel feierlich empfangen, bevor Bischof Bertram kurz nach acht den festlichen Gottesdienst eröffnete. In seiner Predigt deutete er den Wallfahrern das Motto der diesjährigen Wallfahrt „Löscht den Geist nicht aus“ auf ihre Lebenswirklichkeit hin.
Dabei stellte Bischof Bertram das Motiv des „Unterwegsseins“ als unverzichtbares Grundprinzip des Lebens und des christlichen Glaubens dar. Was sich nicht bewege, das entwickle sich nicht, es sei im Grunde tot oder sterbe bald, warnte er. Das Ziel dieses gemeinsamen Weges sei kein Ungewisses, sondern „Gott selbst und die Begegnung mit ihm in der neuen Welt seines Reiches“. Die Kirche müsse deshalb einladend sein und dürfe niemanden ausschließen oder gar zum Mitgehen zwingen, betonte er: Als freie Menschen machten wir uns auf den Weg und gerade auf diesem, der von Gottes Geist und Treue inspiriert und geleitet werde, zu einer immer größeren inneren Freiheit gelangen.
Einen besonderen Akzent setzte der Bischof in seinen Worten auf den Begriff der Gemeinschaft. Dabei verteidigte er Synodalität als „tiefe theologische Wirklichkeit“ und „Auftrag für die Gestaltung unseres kirchlichen Lebens“ und unterstrich, dass dieser Begriff keineswegs nur als bloßes Modewort zu verstehen sei. Niemand könne den Weg zu Gott allein bewältigen, weshalb die Kirche ihrem Wesen nach eine solidarische Weggemeinschaft sein müsse. Das diesjährige Leitwort „Löscht den Geist nicht aus!“ sei für Bischof Bertram deshalb auch mehr als nur der Aufruf zu gegenseitiger Ermahnung, sondern durchaus als Bereicherung zu begreifen, die Kirche gemeinsam mit den Gaben aufzubauen, die Gott uns anvertraut habe. „Die Gemeinschaft bewirkt, dass jeder den anderen stärkt und dass die Charismen, die der Heilige Geist jedem Einzelnen geschenkt hat, einander ergänzen.“
Am Ende seiner Predigt würdigte Bischof Bertram das in die Öffentlichkeit getragene Glaubenszeugnis und richtete sich mit einem flammenden Appell an die anwesenden Männer: „Schämt Euch nicht wegen Eures Glaubens. Im Gegenteil: Seid unverschämt katholisch! Bezieht Stellung, wenn über Jesus und die Kirche gelästert wird. Schwimmt gegen den Strom und bekennt euch zu Jesus“, rief er ihnen zu. Als historisches Vorbild für diesen weit in die Vergangenheit ragenden Glaubensweg stellte der Bischof schließlich den Bistumspatron als einen Zeugen heraus, der wie so viele vor und nach ihm den Staffelstab des Glaubens weitergereicht habe. „Bischof Ulrich gehört zu jenen Menschen, die den Geist nicht ausgelöscht, sondern ihm Raum gegeben haben, seine Schönheit, seine Kraft und seine Lebendigkeit in ihrer Seele zu entfalten – zum Dienst am Evangelium und an den Menschen in seinem Bistum Augsburg.“
Auch Männerseelsorger Diakon Gerhard Kahl Grund sagte allen Beteiligten, die zum reibungslosen und stimmungsvollen Ablauf der Männerwallfahrt ihren Teil beigetragen haben, ein herzliches „Vergelt’s Gott“. Einen besonderen Dank richtete er an die Musikkapelle, die Ulrichsbläser und Chordirektor Peter Bader an der Orgel, die der Wallfahrt ihren musikalisch-festlichen Rahmen gaben. „Ich bedanke mich bei euch Männern fürs gemeinsame Gebet, das Wallfahren und das Feiern des Gottesdienstes.“ Dieser endete auch heuer wieder mit einem einzigartigen Klangerlebnis. Das Ulrichslied „Streiter in Not“, das tausend Männerkehlen gemeinsam in die Basilika hineinschmettern, gibt es so wohl nur bei diesem Gottesdienst zu hören.
Die Ulrichswoche endet an diesem Sonntag (12. Juli) mit der feierlichen Reponierung des Ulrichsschreins. Unter www.ulrichswoche.de gibt es einen Überblick auf alle Gottesdienste und sonstigen Veranstaltungen der Wallfahrtswoche.