Menü
Bischof Bertram aus Syrien zurückgekehrt

„Wir bleiben an der Seite der Christen vor Ort“

14.02.2026

„Das Hauptziel meines Besuchs in Syrien bestand darin, den Christen vor Ort die Solidarität der Kirche in Deutschland zu versichern: Wir bleiben an ihrer Seite, woher immer auch der politische Wind weht und wie schwierig die Situation auch ist. Für die syrischen Christen ist es wichtig, dass sie in unruhigen Zeiten international nicht vergessen werden. Die Aufmerksamkeit der Weltkirche und der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern wird als wichtiger Baustein für die Stabilisierung des Christentums in Syrien betrachtet.“ Mit diesen Worten fasst Bischof Dr. Bertram Meier, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, seine Reise nach Syrien zusammen, von der er nach vier an diesem Samstag zurückgekehrt ist.

Die Zahl der Christen in Syrien ist seit dem Beginn des Bürgerkriegs im Frühjahr 2011, in den sich im Laufe der Zeit auch eine Reihe ausländischer Mächte eingemischt hat, von 1,5 Millionen auf inzwischen nur noch rund 300.000 zurückgegangen. Keiner der Kirchenführer, mit denen Bischof Bertram im Austausch war, vertrat die Auffassung, dass nach der Beendigung der militärischen Auseinandersetzungen eine große Zahl von christlichen Geflüchteten und Migranten aus Westeuropa oder Nordamerika zurückkehren werde. Die herrschende Ungewissheit über die weitere Entwicklung in Syrien trüge dazu ebenso bei wie das Gefühl vieler Emigranten, im Westen eine neue Heimat und Freiheit gefunden zu haben.

Dabei sind die Entwicklungen für die Christen seit dem Machtwechsel im Dezember 2024 folgenreich: „Mir ist in allen Gesprächen deutlich geworden, dass die Kirchen heute vor zwei miteinander verschränkten Problemen stehen: Wie kann das Christentum, dem nur noch ein bis zwei Prozent der Bevölkerung angehören, weiterhin ein relevanter Faktor in der syrischen Gesellschaft sein? Und wie kann dies in einem Land gelingen, in dem nunmehr radikal-islamische Kräfte den Ton angeben?“, so Bischof Bertram.

Gesprächspartner während der Reise waren unter anderem der Patriarch der melkitischen griechisch-katholischen Kirche, Joseph I., Erzbischof Armash Nalbandian (armenisch-apostolische Kirche), Bischof Moussa El-Ehouri (griechisch-orthodoxe Kirche), die syrisch-katholischen Erzbischöfe von Damaskus und Homs, Jihad Battah und Jacques Mourad, sowie der Sekretär der Apostolischen Nuntiatur, Msgr. Victor Hugo Villatoro. Die Sozialministerin Hind Kabawat, einzige Frau und einzige Christin in der neuen Regierung, erläuterte die von ihr lancierten Pläne für eine Erneuerung des interreligiösen Dialogs in Syrien.

Zentrale Frage war für Bischof Bertram, welche Spielräume den Christen in einem Land bleiben, das von einer im Islamismus wurzelnden, vormals dschihadistischen Bewegung beherrscht wird. Das erste Jahr der neuen Regierung deutet darauf hin, dass sie den Kontakt zur internationalen Gemeinschaft wiederherstellen will und sich angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Lage um eine Unterstützung der USA und der europäischen Länder bemüht. Innenpolitisch zeigt die Regierung bislang die Bereitschaft zu einem pragmatisch-inklusiven Programm, das die angestammten Rechte der Minderheiten weitgehend respektiert, auch wenn der Verfassungsentwurf eindeutige Unschärfen trägt, die einer politischen Klärung bedürfen.

„Niemand vermag zu sagen, wie lange Syrien auf diesem Kurs bleibt. Das ist auch für die Orientierung der Kirchen das zentrale Problem“, so Bischof Bertram. Die Kirchenvertreter räumten ein, dass die Regierung ihre Bereitschaft zum Kontakt mit allen Religionsgemeinschaften zum Ausdruck bringe, auch wenn sie Klagen darüber äußerten, dass manche Ankündigungen nicht eingehalten worden seien. „Aufs Ganze gesehen, hat sich die Lage der Christen jedoch offensichtlich nicht wesentlich verändert, auch wenn der frühere gute Zugang zum Regierungsapparat nicht mehr besteht. Die Rechte der Kirchen zur Selbstorganisation, die vor allem die Bereiche des Ehe-, Familien- und Erbrechts betreffen, werden von den neuen Machthabern – bisher – nicht angefochten und scheinen durch die im Islam historisch verwurzelten Vorstellungen geschützt zu sein.“

Bei den Begegnungen mit Kirchenvertretern wurden auch die Gefahren der derzeitigen Situation angesprochen. Die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Syrien werde durch einen generellen kulturellen Konflikt zwischen „Idlib“ und „Damaskus“ bestimmt, so die Gesprächspartner. Der Region Idlib im Nordwesten des Landes entstammen die jetzt zur Macht gelangten Milizen und damit auch ein wesentlicher Teil der neuen politischen Elite. Sie ist durch einen konservativen, rigiden Islam geprägt, der sich für Radikalisierungstendenzen empfänglich zeigt und dem die produktive Auseinandersetzung mit der Säkularität des Staates fremd ist. Demgegenüber bezeichnet „Damaskus“ die Erfahrungen und Mentalitäten einer modernen Metropole, in der das Nebeneinander- und Zusammenleben von Menschen und Gruppen verschiedener religiöser und weltanschaulicher Zugehörigkeiten über lange Zeit hinweg eingeübt wurde, wenngleich in den zurückliegenden Jahrzehnten unter den Vorzeichen einer brutalen Despotie.

Besuch im Kloster

Im Rahmen seiner Syrienreise besuchte Bischof Bertram auch das griechisch-orthodoxe Kloster der hl. Thekla von Ikonium.

„Kirchenvertreter und Beobachter stellen sich die Frage, ob Idlib künftig Damaskus dominieren wird. Manche sehen Anzeichen für eine schleichende Islamisierung, etwa bei Bekleidungsvorschriften, durch die Trennung von Männern und Frauen, wie sie in Syrien bisher nicht bekannt war, beim Ausschank von Alkohol oder in der einseitigen Belegung des öffentlichen Raums durch den sunnitischen Islam“, berichtet der Bischof. „Dass diese Bewegungen bislang nicht oder nicht unmittelbar von der Regierung ausgehen, sondern Teile der Gesellschaft und untergeordnete staatliche Stellen aktiv werden, macht die Sache nicht harmlos. Denn hier verändert sich das gesellschaftliche Klima und Minderheiten fühlen sich zunehmend unwillkommen, bedrängt und ausgegrenzt.“ Das zeige sich auch in Gefahrensituationen, denen sich Christen und andere Minderheiten ausgesetzt sehen. So sprach Bischof Bertram mit Überlebenden des islamistischen Selbstmordanschlags auf die griechisch-orthodoxe Mar-Elias-Kirche in Damaskus im Juni 2025 und betete an dem Ort für ein Ende der Gewalt.

Bei einem Besuch in Maalula, einem der wenigen verbliebenen christlich geprägten Orte nördlich von Damaskus, erlebte Bischof Meier die weiterwirkende Last der jüngeren Geschichte. Von den früher 70 Prozent der christlichen Bewohner schätzt man deren Anteil heute auf etwa ein Drittel: Im September 2013 überfiel die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) Maalula und wütete vor allem unter den Christen. Die verheerenden Schäden durch den IS an Kirchen und Klöstern war ein terroristischer Akt, der die christlichen Anteile an der Geschichte und kulturellen Prägung Syriens unsichtbar machen sollte.

In Maalula traf Bischof Bertram mit einer christlichen Familie zusammen, die dort seit Jahrhunderten beheimatet ist und das West-Aramäische, die Sprache Jesu, beherrscht. Die Erwachsenen ließen Trauer über die Entwicklung, aber auch Durchhaltewillen erkennen; die Jugendlichen aber sprachen offen über ihre Absicht, das Land in näherer Zukunft zu verlassen.

Wie kann die Kirche ihre Stimme in der Gesellschaft und gegenüber der Politik in dieser Situation hörbar machen? Einen wichtigen Beitrag leistet die katholische Caritas Syrien, die die diakonisch-soziale Arbeit im Land organisiert und mit der Bischof Meier ebenfalls zusammentraf. Alle kirchlichen Gesprächspartner waren sich einig, dass eine „gemeinsame Stimme“ der Kirchen heute wichtiger sei denn je. Die Verfasstheit des syrischen Christentums, das sich in einer Vielzahl von Kirchen – davon allein sechs katholische Kirchen – gliedert, die über ein ausgeprägtes, historisch begründetes Eigenbewusstsein verfügen, steht dem gemeinsamen Sprechen und Handeln immer wieder im Weg. „Überall wächst das Bewusstsein, dass der nur auf die eigene Gemeinschaft gerichtete Blick der Stärke und öffentlichen Repräsentanz der Kirchen schweren Schaden zufügen kann. Hier scheint sich nun etwas zu ändern. Die neuen Zeiten machen dies dringlich“, so Bischof Bertram.