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Herausforderung und Dankbarkeit

08.02.2026

Achtzig Jahre ist es nun her, als von Krieg, Gewalt und Vertreibung gezeichnete Ukrainerinnen und Ukrainer fernab ihrer Heimat eine ukrainische griechisch-katholische Seelsorge in Augsburg begründeten. Seitdem ist aus diesen schwierigen Anfängen eine bunte und lebendige Gemeinde entstanden, die an drei Gottesdienstorten im Bistum besteht. Bischof Bertram feierte das Jubiläum in einer festlichen Liturgie in Augsburg-Kriegshaber mit.

In seiner Predigt nahm der Bischof Bezug auf das Evangelium mit dem Gleichnis vom Gericht des Menschensohnes über die Völker, das in der Chrysostomus-Liturgie vorgetragen wurde. Freilich handele es sich dabei nicht nur um „eine endzeitliche Vision, die wir zur Kenntnis nehmen, um uns dann wieder dem irdischen Alltag zuzuwenden“; stattdessen sei sie eine direkte Aufforderung Gottes an uns Menschen im Hier und Jetzt, unser Handeln nach seinen Maßstäben auszurichten: „Wir werden einmal nach unserer Menschlichkeit gerichtet werden – nicht mehr, aber auch nicht weniger!“ In diesem Zusammenhang sprach er auch dem am Festtag erkrankten ukrainisch-katholischen Exarchen Bohdan Dsjurach seine größte Anerkennung aus: „Vom ersten Moment an hast Du Dich von München aus in ganz Bayern und Deutschland, ja in Europa unermüdlich für Deine Landsleute eingesetzt und wirbst auf allen Ebenen unter zunehmend schwierigeren gesellschaftlichen Bedingungen für eine gelebte Willkommenskultur, christliche Gastfreundschaft und geschwisterliche Liebe.“

Aus dem biblischen Zeugnis des Wirkens Jesu habe die Kirche im Laufe der Jahrhunderte einen Katalog von sieben Werken der Barmherzigkeit zusammengestellt, die es für Christen zu beachten gelte. Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte bekleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten: „Nicht jede und jeder von uns ist zu allen Werken gleichzeitig oder in vollem Umfang aufgerufen – doch wir wissen, es kommt der Moment, in dem auch noch so gute Ausreden nicht mehr verfangen. Sie werden uns vielmehr im Hals stecken bleiben, wenn wir dann mit den Augen Gottes auf unser manchmal großspuriges und doch letztlich oft kleinmütiges Leben schauen!“

Gefahr des Nationalismus
Bischof Bertram bei der Predigt.

Bischof Bertram bei der Predigt.

Eine besondere Herausforderung in der Moderne stelle dabei der Nationalismus dar: eine „moderne Form des Stammesdenkens“, die dem natürlichen Impuls, Bedürftigen zu helfen, ideologische Zügel anlege und diejenigen aussortieren, die aufgrund einer falschen Nationalität keine Hilfe oder Beistand „verdient“ habe, betonte Bischof Bertram: „Dieses anerzogene Verhalten ist sehr weit verbreitet und steht trotzdem im Gegensatz zu dem, was Jesus Christus von uns erwartet“. So wie Christus für jeden einzelnen gestorben sei, seien auch alle in der Gemeinde füreinander verantwortlich: „Merken wir, wie weit wir uns von dieser gegenseitigen Verantwortung bereits entfernt haben?“ Diesen „Stachel“ der Botschaft Jesu gelte es im Herzen zu spüren, um sicherzugehen, dass man sich gegen Gottes „leise, aber eindringliche Stimme“ noch nicht abgestumpft und immunisiert zeige: „Das aber ist die unbedingte Voraussetzung für die Metánoia, die notwendige Hinkehr zu Ihm, ohne die wir nie zu wahren Jüngerinnen und Jüngern Jesu werden können!“

Der feierliche Gottesdienst zum achtzigjährigen Jubiläum wurde feierlich im byzantinischen Ritus nach der Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomus gefeiert. Bischof Bertram stand gemeinsam mit zahlreichen Priestern und Diakonen beider Riten und aus drei Kontinenten damit jener uralten Form der Liturgie vor, die auf das 4. Jahrhundert zurückgeht und in den Kirchen des byzantinischen Ritus bis heute die gewöhnliche Form des Gottesdienstes darstellt. Besonderheiten im Vergleich zur lateinisch-katholischen Messe sind dabei sicherlich die Ikonostasen, also prächtig bemalte Holztafeln, die den Altarraum von der Gottesdienstgemeinde abschirmen, sowie die große Bedeutung des liturgischen Gesanges.

Ukrainische Geschichte in Augsburg

Die ukrainische griechisch-katholische Seelsorge im Bistum Augsburg geht auf den zweiten Weltkrieg zurück, als die Nationalsozialisten Millionen Menschen vor allem aus Osteuropa entführten und zur Zwangsarbeit im Reichsgebiet verpflichteten. Nach Kriegsende wurde diese „Displaced Persons“ von den Alliierten nach Nationalitäten aufgeteilt und in großen Zwischenlagern zusammengeführt, von wo aus sie dann wieder in ihre Heimatländer zurückgebracht werden sollten. Augsburg entwickelte sich in der unmittelbaren Nachkriegszeit zu einem der Zentren der ukrainischen Diaspora in Mitteleuropa; in zwei Lagern im Stadtgebiet lebten bis zu sechstausend ukrainischstämmige Menschen, und zeitweise kam sogar das ukrainische Exilparlament hier zu seinen Tagungen zusammen. Wohl schon sehr bald nach Kriegsende kam es in den Räumlichkeiten der Somme-Kaserne und mindestens auch einmal in St. Thaddäus in Augsburg-Kriegshaber zu den ersten ukrainischen Gottesdiensten in Augsburg. 

Seit 1946 dient die Dreifaltigkeitskirche in Augsburg-Kriegshaber der ukrainisch-katholischen Gemeinde als gottesdienstliche Heimat.

Seit 1946 dient die Dreifaltigkeitskirche in Augsburg-Kriegshaber der ukrainisch-katholischen Gemeinde als gottesdienstliche Heimat.

Im Frühjahr 1946 wurde dann in der Dreifaltigkeitskirche in Kriegshaber zum ersten Mal ein griechisch-katholischer Gottesdienst gefeiert und damit der Grundstock für eine bis heute bestehende ukrainisch-katholische Seelsorgegemeinde gelegt – bedingt auch dadurch, dass vor allem viele katholischen Westukrainer in den Jahren nach dem Krieg es vorzogen, nicht in ihre kriegsverwüstete und unter sowjetischer Gewaltherrschaft stehende Heimat zurückzukehren. Heute besteht die ukrainische griechisch-katholische Seelsorge im Bistum Augsburg aus drei Gottesdienstorten in Augsburg-Kriegshaber, Hergatz-Wohmbrechts im Allgäu und zuletzt Mariä Himmelfahrt in Neu-Ulm, die auch als administratives Zentrum der Seelsorge dient. Mit dem russischen Überfall auf die Ukraine 2022 und der anschließenden Massenflucht nach Westen hin ist die Zahl der Gemeindemitglieder auch in Augsburg noch einmal deutlich angestiegen.

Die Ukrainische griechisch-katholische Kirche ist die größte der mit dem Papst unierten Ostkirchen. Ihre rund sechs Millionen Mitglieder leben vor allem im Westen der Ukraine, wo sie in der Gegend um Lwiw und Iwano-Frankiwsk die Bevölkerungsmehrheit stellen. In Deutschland werden sie durch das Apostolische Exarchat Deutschland und Skandinavien betreut, das seit Kriegsbeginn auf rund 150.000 ukrainische Katholiken angewachsen ist.